Differenzierung interprofessioneller Zusammenarbeit durch bildungspolitische Massnahmen. Befunde aus einer qualitativen Längsschnittstudie zu Tagesschulen in der Stadt Zürich

Chiapparini, Emanuela; Schuler, Patricia (2 September 2020). Differenzierung interprofessioneller Zusammenarbeit durch bildungspolitische Massnahmen. Befunde aus einer qualitativen Längsschnittstudie zu Tagesschulen in der Stadt Zürich In: SGBF-Kongress 2020 «Wissenstransfer zwischen Forschung, Praxis und Ausbildung». online: Pädagogische Hochschule

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2018 stimmte das Volk in der Stadt Zürich für die bildungspolitische Massnahme, flächendeckend und sukzessiv Tagesschulen in der öffentlichen Volksschule einzuführen. Damit reagierte es auf das sich wandelnde Bildungs- und Gesellschaftsumfeld. Das geforderte Tagesschulmodell startete 2016 mit fünf Pilotschulen. Die Einführung des Tagesschulmodells führte auf struktureller, personeller, pädagogischer und räumlicher Ebene zu vermehrten Schnittstellen zwischen Unterricht und Betreuung, konkret zwischen den Lehrpersonen und den (sozial)pädagogischen Fachpersonen. Damit einher geht die wachsende Bedeutung von interprofessioneller Zusammenarbeit, womit die Zusammenarbeit der beiden Berufsgruppen aus der Schulpädagogik und aus der Sozialpädagogik gemeint ist, die in ihrer Arbeit Synergien anerkennen und diese im Arbeitsprozess gestalten (Dizinger, 2015). Professionstheoretische Reflexionen verweisen bezüglich interprofessioneller Zusammenarbeit an Tagesschulen auf ambivalente Prozesse der Zuständigkeitsdiffusität (Kunze und Silkenbeumer, 2018), Deprofessionaliserungen (Helsper 2000) und auf die Forderung der Ausdifferenzierungen professioneller Zuständigkeiten (Breuer, 2015; Olk, Speck & Stimpel, 2011). Im empirischen Fachdiskurs zur interprofessionellen Zusammenarbeit an Tagesschulen besteht weitgehend Einigkeit, dass eine interprofessionelle Zusammenarbeit sowohl die Handlungsabläufe verbessert als auch die Problemlösungskompetenzen gesteigert werden (Volk, Haude & Fabel-Lamla 2018). Auch in quantitative Studien wird dies bestätigt, indem ein komplexes Zusammenspiel von organisationalen Bedingungen, situations- und akteursbezogener Faktoren aufgezeigt wird (StEG, 2019; Schüpbach, Jutzi und Thomann 2012). Zudem werden drei Formate von Zusammenarbeit definiert: Austausch im Sinne von Informieren, Arbeitsteilung ohne Wissensaustausch sowie regelmässiger und intensiver Fachaustausch (Gräsel, Fussangel und Pröbstel 2006). Ergänzend dazu werden in qualitativen Studien, die Gestaltung der interprofessionellen Zusammenarbeit beschrieben. So identifiziert und erkundet Anne Breuer (2015) drei Muster von Zusammenarbeit an Tagesschulen in Deutschland. Beim ersten Muster handelt es sich primär um eine Arbeitsentlastung der Lehrperson, beim zweiten um eine Entdifferenzierung von Zuständigkeiten in organisationalen Handlungspraktiken. Nur beim dritten Muster der Zusammenarbeit findet eine engagierte und kritische Auseinandersetzung entlang fachbezogener Zuständigkeiten beider Berufsgruppen statt (Breuer 2015), die zu einer Qualitätssteigerung der Handlungspraxis führt. Gleichzeitig zeigt Breuer auf, dass gerade die fachbezogene Kooperationsform am wenigsten in der Tagesschulpraxis vorgefunden wurde. Hier wird mit dem vorliegenden Einzelreferat angeknüpft und der Frage nachgegangen, welche Formen von interprofessioneller Zusammenarbeit sich im Einführungsprozess von Tagesschulen in der Stadt Zürich abzeichnen. Forschungsgrundlage hierzu ist das SNF-Forschungsprojekt zu pädagogischen Aushandlungsprozessen an Tagesschulen in der Stadt Zürich. In diesem wurden in vier einzuführenden Tagesschulen unterschiedliche Akteure bezüglich der Ausgestaltung ihres Arbeitsalltags zu zwei Zeitpunkten befragt: kurz vor der Einführung der Tagesschulen (t1: Frühjahr 2016) und etwas mehr als ein Jahr später (t2: Herbst 2017). Die 54 berufsspezifischen Leitfadeninterviews mit narrativen Passagen (Schütze, 1983) mit Lehrkräften und sozialpädagogischen Fachkräften wurden mit dem dreistufigen Kodierverfahren der Grounded Theory (Strauss & Corbin, 1991) ausgewertet. Während in den Befunden aus dem ersten Erhebungszeitpunkt Befürchtungen und Tendenzen eines Rückzugs in die eigene Berufsgruppe nachzuzeichnen sind, ist in den Erkenntnissen aus dem zweiten Zeitpunkt eine allgemeine Konsolidierung zu beobachten. Allerdings finden die fachbezogene Zusammenarbeit und die Zusammenarbeit auf der pädagogischen Ebene nur vereinzelt statt. Eine Ausdifferenzierung professioneller Zuständigkeiten zeichnet sich nur bedingt ab und der Fachaustausch ist ausbaubar, damit eine Qualitätssteigerung der Handlungspraxis tatsächlich eingelöst werden kann.

Item Type:

Conference or Workshop Item (Paper)

Division/Institute:

School of Social Work > Social Intervention focus area
School of Social Work
School of Social Work > Institute for Childhood, Youth and Family

Name:

Chiapparini, Emanuela and
Schuler, Patricia

Subjects:

H Social Sciences > H Social Sciences (General)

Publisher:

Pädagogische Hochschule

Language:

German

Submitter:

Emanuela Chiapparini

Date Deposited:

21 Sep 2020 09:58

Last Modified:

28 Jan 2022 14:24

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ARBOR DOI:

10.24451/arbor.12314

URI:

https://arbor.bfh.ch/id/eprint/12314

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